Marie-Louise Barben: «Es muss nicht alles gratis sein, aber unsere Gesellschaft kann nicht funktionieren, wenn alles mit Geld aufgewogen wird.» (Bild: zVg)

GrossmütterRevolution

«Alte lassen sich nicht wegsparen»

22. April 2016, Janine Köpfli

Die Grossmütter von heute wollen nicht nur stricken und Kuchen backen. Die Sozialwissenschaftlerin Marie-Louise Barben setzt sich für ein Umdenken in der Alterspolitik ein. Für die GrossmütterRevolution des Migros-Kulturprozent untersuchte sie das vierte Lebensalter, das meist weiblich ist.

Frau Barben, Grossmütter-Revolution klingt schon fast gefährlich. Müssen denn die Grossmütter aufstehen und sich wehren?
Marie-Louise Barben: Den Begriff «Grossmütter-Revolution» finde ich genial. Er ist zwar umstritten und wird auch immer wieder in Frage gestellt, aber er weckt Aufmerksamkeit. Die Revolution sehen wir als Umwälzung des Frauenbildes der älteren Frauen. Wir verstehen uns nicht ausschliesslich als Grossmütter. Das ist natürlich auch eine Rolle, aber wir wehren uns gegen das altmodische Bild der Grossmutter, die bloss strickt und Kekse bäckt. Das ist o.k., aber wir sind mehr als das. Vor dreissig Jahren, im Zuge der Frauenrechtsbewegung, sagten wir, Frau allein ist kein Programm. Heute sagen wir, Grossmutter allein ist kein Programm. 

Wie ticken die Grossmütter von heute?
Viele Grossmütter sind berufstätig oder waren berufstätig. Sie sind in der Regel besser gebildet als frühere Generationen. Es ist ihnen wichtig, dass sie ihre Erfahrung, ihr Wissen in die Gesellschaft einbringen können. Wir haben nichts gegen die klassische Grossmutterrolle. Viele von uns sind selbst Grossmütter und wir geniessen das. Viele sind aber auch keine Grossmütter. 

Grossmütter leisten einen wichtigen Beitrag in der Gesellschaft.
Ja, pro Jahr leisten die Grossmütter 100 Millionen Stunden Enkelbetreuung. Das ist ein Wert von 2 Milliarden Franken oder 50 000 Vollzeitstellen. Das ist wirklich ein Beitrag, den man nicht unterschätzen darf. Das gilt es zu werten und zu würdigen. 

Schon als sie jünger waren, setzten Sie sich für Gleichstellung und die Rechte der Frauen ein. Sind Sie es nicht leid? Sie könnten ja auch einfach mit ihren Freundinnen «Käfelen» und zusehen, wie ihre Enkelkinder wachsen.
Das könnten wir (lacht), das wollen wir aber nicht. Die Frauenbewegung war für mich wirklich eine grosse Befreiung, eine Wende in meinem Leben, die mir sehr viel ermöglicht hat. Ich war und bin stolz, eine Feministin zu sein. Es hat mir Mut gemacht, beispielsweise mit 45 noch zu studieren. Daher kann ich das Interesse nicht einfach abschalten und so geht es vielen Frauen. Im Zusammenhang mit der Grossmütter- Revolution befassen wir uns wieder mit ähnlichen Fragen und Themen wie damals in der Frauenbewegung. 

In Ihrem Vortrag in Vaduz, am 28. April 2016, geht es um das vierte Lebensalter. Es ist weiblich. Das heisst, vor allem Frauen sind hochbetagt, vor allem Frauen brauchen Pflege und Betreuung und vor allem Frauen übernehmen die Care-Arbeit in diesem Lebensalter. Was ist mit dem vierten Lebensalter gemeint?
Im vierten Lebensalter ist man nicht mehr fähig, sein Leben ganz ohne fremde Hilfe zu gestalten. Ohne externe Hilfe können Grundbedürfnisse nicht mehr gedeckt werden. Frauen werden nach wie vor älter als Männer und viele von ihnen leben alleine im hochbetagten Alter. Das vierte Lebensalter ist insgesamt ein Frauenuniversum. Nicht nur die älteren Menschen sind zu einem Grossteil Frauen, sondern auch die Pflegenden sind Frauen. Und auch die Familienangehörigen, die sich um die Personen kümmern sind in der Regel Töchter, Schwestern, Schwiegertöchter. Hochaltrigkeit generell ist ein Effekt unserer Wohlstandsgesellschaft und unseres guten Gesundheitswesen. Darauf müssten wir eigentlich stolz sein. 

Sind wir das nicht?
Es kommt darauf an. Oft wird in diesem Zusammenhang von Problemen gesprochen. Es ist natürlich eine Herausforderung für die Gesellschaft. Wir sind es uns einfach nicht gewöhnt, dass wir so alt werden. Es ist wichtig, dass die soziale Sicherheit im hohen Alter garantiert wird. Und zwar nicht nur für all jene, die es sich leisten können, weil sie reich sind, sondern auch für die ganz normale Mittelklasse brauchen wir Sicherheiten im Alter. 

Was bedeutet das für die Gesellschaft?
Es muss ein Umdenken stattfinden. Die Herausforderung müssen wir gemeinsam angehen. Wir dürfen es nicht nur als Kostenfaktor anschauen. 

Und für die Alterspolitik?
Die Alterspolitik muss auf zwei Pfeilern stehen. Kosten spielen eine Rolle, aber auf der anderen Seite steht das Menschliche, das Fürsorgliche. Wirtschaftlichkeit und Care. Eine gute, würdevolle Alterspflege ist das Ziel. 

Dass Frauen die Care-Arbeit übernehmen, ist gut und recht, aber viele machen es gratis. Muss diese Care-Arbeit selbstverständlich und gratis sein?
Wir verstehen unter Care-Arbeit alle fürsorglichen Dienste, die Menschen an Menschen leisten – unabhängig davon, ob sie bezahlt oder unbezahlt sind. Es ist nicht nur Abarbeiten einer Dienstleistung. Es geht auch darum, eine Beziehung aufzubauen und es hat viel mit Zeit zu tun. Dieser Bereich lässt sich nicht beliebig rationalisieren. Es muss nicht alles gratis sein, aber unsere Gesellschaft kann nicht funktionieren, wenn alles mit Geld aufgewogen wird. Man kann nicht alle unbezahlte Arbeit bezahlen. Aber man soll sie würdigen und wertschätzen. 

Zeit, die man in unserer Gesellschaft immer weniger hat.
Das ist richtig. Im Gesundheitswesen geht es zurzeit oft darum, dass man etwas messen kann, dass man es quantifizieren kann. Da wird es eben sehr schwierig. Im Bereich der Pflege kann man nicht alles messen und zählen. Es ist beispielsweise schwer zu messen, was es bedeutet, wenn man noch eine Weile am Bett sitzen bleibt und mit einer alten Person spricht und ihr zuhört. 

Neue Ideen und Lösungen sind gefragt. Gibt es neue Modelle für die Alterspflege?
Man versucht, vermehrt ambulante Versorgungen aufzubauen, damit die Menschen zu Hause bleiben können. Es gibt begleitetes Wohnen im Alter. Es gibt sogenannte Care Communities, Gemeinschaften, die gemeinsam Pflegeaufgaben übernehmen. Es gibt viele Ansätze, aber sehr oft wird es dann nur an den Kosten gemessen. Betreuungsgutschriften könnten eine Lösung sein. Oder Zeitgutschriften. Wenn man freiwillig Care-Arbeit leistet, bekommt man diese Zeit gutgeschrieben und kann sie einlösen, wenn man sie selbst braucht. 

Was können wir Frauen tun? Was müssten Männer tun? Und die Politik?
Jeder kann etwas tun. Frauen müssen vor allem lernen, ihre Arbeit zu schätzen, vielleicht auch lernen, sich abzugrenzen und Nein zu sagen. Männer müssen mehr Verantwortung in der Care-Arbeit übernehmen. Die Politik muss sich überlegen, wie man die unbezahlte Arbeit wertschätzen kann. Es geht nicht nur ums Sparen. Die Alten lassen sich einfach nicht wegsparen. Politikerinnen und Politiker müssen sich bewusst werden, dass auch sie bald dazugehören könnten. Mir kommt es vor, dass sie das oft vergessen, obwohl sie teilweise 65 Jahre und älter sind. 

Wie möchten Sie Ihren vierten Lebensabschnitt verbringen?
Ich habe eine Patientenverfügung und ich habe einen Vorsorgeauftrag gemacht. Wir wünschen uns natürlich, dass das vierte Lebensalter gar nie eintritt. Wir wollen gesund und selbstständig altern. Aber wenn ich in eine solche Situation kommen sollte, dann erwarte ich nicht von meinen Kindern, dass sie ausschliesslich für mich da sein müssen. Das habe ich schon mit ihnen besprochen. Wir können zusammen eine vernünftige Lösung finden, die niemanden überfordert. 


Dieser Artikel ist zuerst im «Liechtensteiner Vaterland» (15.04.2016) erschienen. 

GrossmütterRevolution ist  eine Plattform und Think Tank des Migros-Kulturprozent für die Frauen der heutigen Grossmütter-Generation.

Am 28. April 2016 spricht Marie-Louise Barben in ihrem Vortrag «Das 4. Lebensalter ist weiblich» über die Lebensumstände älterer Menschen und zeigt Konsequenzen für die Alterspolitik auf. 

Studie «Das vierte Lebensalter ist weiblich» 

«Der Frauenstreik war ein grosses Feuerwerk»

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